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Neuer Laiendefibrillator für den privaten Gebrauch geplant
SCHWALMSTADT. Etwa 70 Prozent aller Herz-Kreislauf-Stillstände in Deutschland ereignen sich laut Bundesgesundheitsministerium in den eigenen vier Wänden. Ein Defibrillator ist dort meist nicht verfügbar. Jede Minute ohne Einsatz eines Geräts verringert die Überlebenschancen um rund zehn Prozent.
Entwicklung durch Joule Medical
Das Unternehmen Joule Medical entwickelt derzeit einen besonders leichten Defibrillator (AED) für Privathaushalte. Das Gerät soll einfach zu bedienen, transportabel und preislich deutlich unter den bisher üblichen Modellen liegen. Vorgesehen ist ein Marktpreis von rund 1.000 EUR. Mit einem Gewicht von etwa 500 Gramm soll es sich auch unterwegs einsetzen lassen.

Crowdfunding-Kampagne im August
Für die weitere Entwicklung startet Joule Medical im August 2025 eine Crowdfunding-Kampagne über die Plattform Crowdcube. Der Marktstart des neuen Defibrillators ist für 2027 geplant. Insgesamt wurden bisher knapp 13,4 Millionen Euro in die Entwicklung investiert.
Ziel: Ergänzung zu öffentlichen Geräten
Das Unternehmen sieht das Produkt als Ergänzung zu bestehenden Defibrillatoren im öffentlichen Raum. Ziel sei es, die Verfügbarkeit im privaten Bereich zu verbessern und so die Überlebenschancen bei Herzstillstand zu erhöhen.
Hintergrund
370 Menschen täglich betroffen
2024 erlitten in Deutschland rund 136.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand. Das entspricht durchschnittlich 370 Betroffenen pro Tag. Bei knapp der Hälfte – etwa 67.000 Patientinnen und Patienten – leitete der Rettungsdienst Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Die Daten stammen aus dem Jahresbericht 2024 des Deutschen Reanimationsregisters, das von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin getragen wird.
Grundlage der Analyse
Für die Auswertung wurden Einsätze von 198 Notarzt- und Rettungsdiensten berücksichtigt, die eine Versorgungsregion mit rund 42 Millionen Menschen abdecken. Innerhalb dieser Gruppe bildet eine Referenzgruppe von 44 Standorten die Datengrundlage für besonders vollständige und qualitativ hochwertige Dokumentationen. Die Hochrechnungen ermöglichen belastbare Rückschlüsse auf die Reanimationsversorgung in Deutschland.
Mehr Hilfe durch Ersthelfende
Die Bereitschaft von Ersthelfenden zur Reanimation nahm zu. In der Referenzgruppe stieg die Quote von 50,7 % im Jahr 2023 auf 55,4 % im Jahr 2024. Auch im Gesamtdatensatz gab es einen Anstieg von 49,9 % auf 52,0 %. Erstmals dokumentiert wurde zudem ein signifikanter Zuwachs bei Defibrillationen durch Ersthelfende. In zwei Prozent der Fälle erfolgte der erste Schock noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes – insgesamt bei 529 Patientinnen und Patienten. Fachleute sehen darin einen Hinweis auf die Wirksamkeit von Smartphone-basierten oder anderen Helfer-vor-Ort-Systemen.
Bedeutung der Leitstellenanleitung
Zunehmend relevant ist die telefonische Anleitung zur Reanimation. In der Referenzgruppe stieg die Quote von 33,0 % auf 40,4 %. Bundesweit lag der Wert 2024 bei 37,3 % (Vorjahr: 33,9 %). Fachleute betonen die Notwendigkeit, diese Maßnahme weiter auszubauen, da der Rettungsdienst erweiterte Wiederbelebungsmaßnahmen naturgemäß erst mit Verzögerung beginnen kann.
Rettungsdienst und Zielvorgaben
In den Referenzstandorten traf der Rettungsdienst in 78,5 % der Fälle innerhalb von acht Minuten ein – ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Bundesweit liegt die Quote bei 73,2 %. Das angestrebte Ziel von 80 % wurde damit weiterhin knapp verfehlt.
Daten zu Alter, Geschlecht und Ursachen
Zwei Drittel der Reanimationsfälle betrafen Männer, ein Drittel Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 69,9 Jahren. Knapp 45 % der Betroffenen waren unter 70 Jahre alt, fast ein Drittel über 80 Jahre. Etwa 30 % wiesen keine oder nur leichte Vorerkrankungen auf.
In 55 % der Fälle war ein kardiales Ereignis Auslöser, in 15 % ein respiratorisches. Rund 70 % der Reanimationen fanden im häuslichen Umfeld statt, 15 % im öffentlichen Raum. Der Anteil in Pflegeeinrichtungen stieg auf 12 %.
Überleben weiterhin stabil
Ein Drittel der Patientinnen und Patienten erreichte das Krankenhaus mit Rückkehr des spontanen Kreislaufs (ROSC). Die Entlassungsrate liegt seit Jahren stabil bei rund 11 %. Mehr als 70 % dieser Überlebenden wiesen eine gute neurologische Erholung auf.
Versorgung im Krankenhaus
Auch nach der Reanimation ist die Versorgung entscheidend. Das empfohlene Temperaturmanagement – gezieltes Kühlen des Körpers auf 32–34 °C zum Schutz des Gehirns – wurde 2024 nur noch bei 17,3 % der Patientinnen und Patienten angewendet. Fachleute führen dies auf Verunsicherung durch neue Studien zurück, obwohl aktuelle Daten zeigen, dass Hypothermie die Überlebenschancen um bis zu 60 % verbessern kann. Internationale Empfehlungen sprechen sich klar für den Erhalt dieser Maßnahme aus.
Andere Aspekte der professionellen Versorgung erreichen weiterhin nicht flächendeckend die Leitlinienziele. Dazu zählen zeitgerechte Zugänge oder die Nutzung von Feedbacksystemen zur Reanimationsqualität.
Fachliche Einschätzung
„Es ist ein Erfolg, dass immer mehr Menschen durch Ersthelfende frühzeitig Hilfe erhalten. Dennoch stagniert die Überlebensrate“, sagt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Sprecher des Organisationskomitees des Reanimationsregisters. „Das zeigt: Neben der Reaktion in der Bevölkerung muss auch die professionelle Versorgung weiterentwickelt werden – vom Rettungsdienst bis zur Klinik.“ (wal)
(Quelle Hintergrund: Deutsches Reanimationsregister)


