
Hütt
HÜTT-Brauerei in Baunatal schließt nach 270 Jahren
BAUNATAL. Märchenhaft war die Knallhütte immer. Und alt ist sie. Märchenhaft und „grimmig“ alt. Es war ein bewegender und kein Märchenhafter Moment am heutigen Freitagvormittag in Baunatal: Frank Bettenhäuser, Inhaber der HÜTT-Brauerei, verkündete das Ende des traditionsreichen Familienbetriebs nach mehr als 270 Jahren Braukunst in neun Generationen.
Jetzt wird eine der letzten eigenständigen Privatbrauerei Nordhessens geschlossen. Sicher die bekannteste. Ein Kapitel regionaler Identität geht damit zu Ende: Das HÜTT-Bier, für viele so fest mit Heimat und Geselligkeit verbunden wie die – inzwischen als geschützte Europäische Marke anerkannte – „Ahle Wurscht“, wird es bald nicht mehr geben.
Ein schwerer Schritt nach ausdauernd langem Ringen
„Es ist ein schwerer Schritt, den ich mir anders gewünscht hätte“, erklärte Bettenhäuser (68) in der Pressekonferenz, die hr und FFH begleiteten. Seit 40 Jahren führte er das Unternehmen, suchte über 15 Jahre lang nach einer Nachfolgeregelung – in der Familie, bei anderen Brauereien, in der Führungsebene. Doch trotz aller Bemühungen fand sich niemand, der die Verantwortung übernehmen wollte. „Zeit und Gesundheit laufen mir davon“, bekannte er offen.

Die wirtschaftliche Realität erzählt ihre eigene Geschichte und liefert den Kontext: Stagnierende Preise, sinkender Bierkonsum und der anhaltende Druck internationaler Konzerne ließen die Spielräume immer enger werden. In Hessen ist die Bierproduktion seit 1980 um 83 Prozent eingebrochen – ein Verlust, der die gesamte Branche erfasst und durchschüttelt.
Die Knallhütte – ein Symbol nordhessischer Identität
Gegründet wurde die Brauerei 1752 von Johann Friedrich Pierson aus eine Hugenotten-Familie, die einst aus der französischen Heimat nach Nordhessen flüchtete. Seitdem ist die „Knallhütte“ nicht nur Produktionsort, sondern auch kulturelles Symbol. Ihren Namen verdankt sie den Kutscherpeitschen, mit denen früher Vorspannpferde herbeigerufen wurden. Generationen von Nordhessen verbanden mit dem Namen HÜTT Bodenständigkeit, handwerkliche Qualität und eine tiefe regionale Verwurzelung.
Neben Klassikern wie Knallhütter, Luxus Pils und dem Naturtrüb stand die Marke HÜTT auch für Innovationen: Bio-Biere, Radler-Varianten, ein eigenes documenta-Bier 2022, Kooperationen mit Vereinen, Festivals und kulturellen Projekten. 2004 hatte Bettenhäuser zudem die Marke „Hessisches Löwenbier“ übernommen und damit ein weiteres Stück Brautradition vor dem Verschwinden bewahrt.
38 Mitarbeitende, viele Erinnerungen
Von der Schließung betroffen sind 38 Mitarbeitende in Brauerei, Logistik, Vertrieb und Verwaltung. „Zuerst denke ich an meine Leute“, sagte Bettenhäuser sichtlich bewegt. Viele hätten das Ende geahnt, nun sei es Gewissheit. Ende Oktober wird die Auslieferung eingestellt, das Gelände dürfte später verkauft werden.
Brauhaus Knallhütte bleibt bestehen
Nicht betroffen von der Schließung ist das traditionsreiche Brauhaus Knallhütte. Die Gastronomie, die längst überregional bekannt ist, wird weitergeführt. Historisch ist dieser Ort von besonderer Bedeutung: Hier lebte Dorothea Viehmann, eine Vorfahrin von Frank Bettenhäuser aus der Familie Pierson. Sie wurde zur berühmtesten Märchenerzählerin der Brüder Grimm – viele ihrer Geschichten fanden von hier aus Eingang in die weltbekannte Märchensammlung. Damit bleibt ein kultureller Ankerpunkt Nordhessens erhalten.
Letzte Hoffnung auf einen Retter – Abschied mit Symbolkraft
Ganz abgeschlossen ist das Kapitel allerdings bis jetzt nicht. Bettenhäuser ließ offen, dass er den Prozess jederzeit stoppen könne, sollte sich durch die öffentliche Bekanntgabe doch noch ein Investor oder Käufer finden. „Mein Prinzip der Hoffnung bleibt bis zum Schluss“, betonte er.
Mit dem Ende der HÜTT-Brauerei verliert die Region Kassel ihre letzte eigenständige Biermarke. Was bleibt, sind Erinnerungen: das Hütt-Bier beim Zissel, auf der Wehlheider Kirmes, auf Hessentagen, beim Stadtfest Baunatal oder als Begleiter einer Scheibe Ahler Wurscht. Zummengefasst: „Heute stirbt ein Stück nordhessische Kultur.“ (rs)



2 Kommentare
Von der Brauerei Haaß in Treysa 😉🍻
oh Gott, nicht das!
Da war Hütt dagegen ein Premium Bier 😂