Kolumne
DIE KOLUMNE: Deutsche (Ess) Kultur Drucken E-Mail
Freitag, den 12. Dezember 2014 um 10:17 Uhr

Rainer SanderSchwalmstadt. Im Moment sorgen sich ganz viele Menschen um die abendländische und die deutsche Kultur. Sie ziehen demonstrierend durch die Straßen und warnen vor der Islamisierung. Ich denke immer, die wollen die Grimms, Goethe, Schiller, Bach und Beethoven retten oder wenigstens Simmel und Wolfgang Petry.Aber wenn man so manches liest, was zu Rettung der deutschen Kultur auffordern will, kommen einem schon solche Gedanken, ob das nicht alles bereits zu spät ist. Und das christliche Abendland meinen die aggressiven Kulturverteidiger vermutlich auch nicht, denn da ist von Nächstenliebe die Rede und in der katholischen Kirche gelten Hass und Neid als Todsünden…

Die Demonstrationen ziehen auch gerne durch Stadtviertel, die schon vor der „Islamisierung“ mit den höchsten Kriminalitätsraten aufgefallen sind und wenn da so ein Vaterlandsverteidiger an der Pommes-Bude steht und die deutsche Kultur rettet, meint er vermutlich die Esskultur? Bei Pommes mit Ketchup, dazu ein Bier und zum Verdauen einen Kaffee – keinen Espresso (!) – bei einer Zigarette nach dem Essen. Das wollen uns die Moslems rauben!

Ok, Tabak kam im 15. Jahrhundert mit Kolumbus aus Amerika, verbreitete sich auf der iberischen Halbinsel sowie in Frankreich, bis er nach Deutschland kam. Ketchup ist natürlich aus Amerika, aber die Kartoffel? Aus Peru! Im 16. Jahrhundert gelangte sie nach Spanien und England, im 17. Jahrhundert endlich nach Deutschland. Die Ziegenhainer Salatkirmes geht darauf zurück, dass der Landgraf Schwälmer Bauern „motivierend“ zu Kartoffeln und Salat eingeladen hatte. Den Salat fanden sie lecker, die Kartoffel nicht. Friedrich II. hat die Knolle später zwangseingeführt.

Und die Tomate? Wenn nicht Deutsch, dann wenigstens Italienisch? In Italien wurde sie wohl kultiviert, ihre Wildform kam im 16. Jahrhundert aus Südamerika. Aber unser Kohl, Rotkraut und Sauerkraut, deutscher geht es doch kaum! Na ja, seit ein paar 100 Jahren mag das stimmen, ursprünglich aber wuchs das „Kraut“ in hauptsächlich in Griechenland. Ebenso fand der Spargel - erst im 19. Jahrhundert – den Weg nach Deutschland. Grünkohl kommt auch vom Mittelmeer und Spinat sogar aus Zentralasien. Jetzt bleiben nur noch Salat und Mohrrübe – oder? Stimmt! Alles, was so auf den Wiesen wuchs, außerdem Wurzelgemüse, wie die Steckrübe oder Rote Beete, gab es hier schon in der Steinzeit zu Essen. Bei Salaten stammt vieles – wie auch die Gurke - wiederum aus Südeuropa.

Also so richtig „germanisch“ wären Runkelrüben, Spitz- und Breitwegerich sowie diverse Getreide wie Dinkel oder Emmer und das ohne Zwiebeln, denn sie sind Asiaten. Kaffee haben uns tatsächlich die Türken – zuerst nach Wien - gebracht. Reichlich spät also. Aber Bier ist doch so deutsch! Die Variante mit Hopfen vielleicht, doch dass gewässertes Getreide vergoren den Horizont erweitert, entdeckte man zuerst  in Irak oder Syrien, dort wir gegen die IS kämpfen lassen und keine Flüchtlinge kommen lassen wollen. Weil wir das Bier schon haben?

Hätten unsere Vorfahren so vehement das Abendland vor fremden Einflüssen beschützt, manch „typisch deutscher“ Genuss hätte uns nie erreicht. Wie gesagt, Emmer, Spitzwegerich, Runkelrüben…

Ihr

Rainer Sander

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