Kolumne
DIE KOLUMNE: Die Angst Drucken E-Mail
Mittwoch, den 13. Juli 2016 um 13:31 Uhr

Rainer SanderSchwalmstadt. Wir Deutsche haben Angst. Und die R+V Versicherung hat 2.400 von uns gefragt, wovor. An 1. Stelle steht die Angst vor Terror. 73 Prozent fürchten sich davor, ausgelöst durch islamistische Anschläge im Ausland.

Vor politischem Extremismus, der beispielsweise aus der Wut gegen Migration entsteht, haben mit 68 Prozent etwas mehr von uns Angst, als vor den zuziehenden Ausländern selbst (67 Prozent). Erst an 6. Stelle steht die Angst vor Pflegebedürftigkeit (56 Prozent), an 7. Stelle vor schwerer Krankheit (55 Prozent).

Wer einmal 75 Jahre alt geworden ist – und das schaffen die meisten bei einer Lebenserwartung von über 80 Jahren, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 11 Prozent Pflegebedürftig. Über 80 Lebensjahren trifft es sogar jeden vierten Deutschen. Diese Angst wäre durchaus real.

In Deutschland gab es bisher zwei Tote durch Islamisten, nämlich amerikanische Soldaten, die 2011 von einem Extremisten aus dem Kosovo erschossen wurden. Demgegenüber (mindestens) neun Tote durch den rechtsextremen NSU. Selbst wenn Terrorgefahren durch den IS auch in Deutschland steigen, leben wir objektiv in den sichersten Zeiten überhaupt...

Eigentlich müssten wir mehr Angst vor SMS und WhatsApp haben. Nein, nicht wegen der Privatsphäre. Rein statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher von einem Auto überfahren zu werden, dessen Fahrer eine Kurznachricht schreibt, als durch islamistischen Terror umzukommen. Selbst die Gefahr von einem Neonazi ermordet zu werden ist zwar höher, aber immer noch geringer als die, von einem Blitz getroffen zu werden (1 : 6 Millionen). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Lottoschein 6 Richtige enthalt, ist mit 1 : 14 Millionen nicht einmal halb so groß und trotzdem spielt statistisch gesehen jeder vierte von uns Lotto. Wir haben also keine Angst davor, das Geld zum Fenster hinaus zu werfen, obwohl statistisch kaum etwas wahrscheinlicher ist, als diese völlig sinnlose Ausgabe.

Unsere Angst kommt ganz offensichtlich nicht trotz, sondern gerade wegen der niedrigen Wahrscheinlichkeit. Terror wird zu einer Lotterie, vor dem, was wir sicher wissen, haben wir weniger Angst.

Aber aus Angst heraus machen Menschen ganz blöde Sachen. Als nach dem 11. September viele Amerikaner das Flugzeug vermieden und mehr Auto fuhren, stieg die Zahl der Verkehrstoten - auch ohne SMS-schreibende Fahrer - messbar an. In Frankreich ist das Rauchen in Schulgebäuden wieder erlaubt, weil im Freien die Terrorgefahr höher ist. Dabei sterben weit mehr Menschen an den Folgen des Rauchens. Und wenn wir das Haus nicht mehr verlassen, weil die Welt so unsicher ist, entscheiden wir uns für den unsichersten Ort überhaupt: Haushaltsunfälle zählen zu häufigsten unnatürlichen Todesursachen in Deutschland.

Ihr

Rainer Sander

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