Kolumne
DIE KOLUMNE: Auf den Tisch hauen! Drucken E-Mail
Dienstag, den 21. März 2017 um 15:01 Uhr

Rainer SanderSCHWALMSTADT. Erinnern Sie sich noch, in der Schule, wenn uns auf dem Schulhof jemand pausenlos provoziert hat? So, mit fiese Sachen rufen, „Deine Mutter ist ne Schlampe…“, „Du bist Assi…!“ Aber irgendwann „schicket‘s“ dann aber auch mal. Auf „Aus!“ und „Schluss!“ hört nicht mal der Hund zu Hause und am Ende gibt’s dann halt mal eine auf die Fresse. Man muss schließlich mal Grenzen setzen…! Und genau in diesem Augenblick kommt immer der Lehrer um die Ecke… Und die Schadenfreude der anderen Schüler gleich mit! Den Schulverweis bekommt nämlich der Schläger, nicht der Provokateur…

Oder auf dem Fußballplatz? Wenn der Gegenspieler frotzelt und foult ohne Ende? „Du kannst nix!“ Hier und da ein Bein stehen lassen, reingrätschen, am Trikot und der Hose zuppeln. Also nichts wirklich Schlimmes, was der Schiri mit gelb oder rot ahnden könnte… Aber dann kommt irgendwann bei all der aufgestauten Wut, endlich der erlösenden Tritt zurück, so richtig vors Schienenbein oder ein kräftiger Ellenbogen-Check mitten in die Visage…! Und dann gleich die Rote Karte wegen Tätlichkeit und ein Pfeifkonzert. Vom Platz fliegt der Treter, nicht der Provokateur. Revanchefouls werden zu Recht am härtesten bestraft.

Wir haben aber weder einen Welt-Lehrmeister, noch einen Welt-Schiedsrichter. Wir haben nur Märkte, die sensibel reagieren, Verbraucher, die hohe Preise hassen und Wähler, die Wohlstand für alle – oder für sich – wollen. Wer in der Weltpolitik eine Rolle spielen will, wer sie lange, erfolgreich und überzeugend spielen will, wird sich wohl beherrschen und Provokationen aushalten müssen.

Da sitzt der Erdogan in Ankara und merkt, dass seine Verfassungspläne vielleicht nicht funktionieren. Auch das würde er vielleicht zu regeln wissen, aber schöner wäre es, wenn das Volk ihm zujubelt. Und jetzt denkt er sich eine Provokation nach der anderen aus und feuert diese nach Europa. Was tun? „Du böser Erdogan schreien“, wie auf dem Schulhof? Nützt nix! „Ich klau Dein Schulbrot!“ rufen, also, „ich blockier mal ein paar Waren-Lieferungen?“ Oder „Ich lass Dich nicht mehr Abschreiben!“ „Also wir nehmen auch keine Waren mehr von Dir aus der Türkei?“ Kein Obst und Gemüse, keine billigen Kühlschränke mehr? Dann haben wir’s ihm ja mal ordentlich gezeigt und deutsche Arbeiter dürfen dafür Kurzarbeit machen und für andere Produkte teurer bezahlen.

Ey, aber auch das nutzt nix: aus Ankara schallt es immer noch, „Nazis, Nazis!“. Was tun? Verklagen? Ja! Vor einem deutschen oder einem türkischen Gericht?

Wenn das nichts bringt, sollen wir zur Abschreckung ein paar Raketen abschießen? Erst in die Luft, wie Nordkorea immer mal wieder oder gleich auf Istanbul? Soldaten schicken? Schiffe versenken? Oder schwerwiegender: Wir beenden die Beitrittsgespräche zur EU. Das will Erdogan vermutlich selbst schon lange, aber seinen Wählern lieber sagen können, dass die EU ihn nicht will. Dann haben wir 80 Millionen Türken in der Türkei und über 5 Millionen Türken in Deutschland als neue Feinde.

Rumpelstilzchen hat sich übrigens am Ende selbst vor Wut ein Bein ausgerissen. Auf den Moment würde ich mich eher freuen: wenn in Ankara ein ausgerissenes Bein durch die Luft fliegt, als über eine Kanzlerin und einen Außenminister voller Zorn. Und eins ist gewiss: Jeder Krieg endet mit dem Frieden. Es klingt vielleicht blöd, aber die Kunst von Politik ist es, „Kriege“ (auch rhetorische) zu vermeiden und wenn es nicht anders geht, sie so zu führen, dass der Frieden danach auch wirklich funktioniert… Oder?

Ihr

Rainer Sander

 
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