Kolumne
DIE KOLUMNE: Ausgetestet… Drucken E-Mail
Mittwoch, den 16. November 2016 um 19:00 Uhr

Rainer SanderSCHWALMSTADT. Vorbei ist die Zeit, als unsere Vorfahren – bereits in der Steinzeit – eher zufällig entdeckten, was gegen Krankheiten hilft und was nicht. Heute – in Zeiten wissenschaftlicher Schulmedizin - werden Wirkstoffe weiter und neu entwickelt und müssen ausprobiert werden. Einem Wirkstoff sieht man gar nicht an, wie er wirkt und auch nicht, ob er jetzt, später oder im Zusammenwirken mit anderen Substanzen schadet. Ohne dass jemand das Risiko eingeht, etwas zu testen, bleibt die Wirksamkeit ungewiss. Außer man testet ohne das Wissen der Testpersonen. Tatsächlich werden Medikamente nur zugelassen, die eine messbar höhere Heilungs- oder Überlebensquote haben, als bereits vorhandene oder gar keine Präparate. Ein wenig Zynismus kann ich dabei gerade schwer unterdrücken.

Tierversuche finden wir schon seit vielen Jahren schrecklich unmoralisch, was nicht von der Hand zu weisen ist. Trotzdem finden sie vor dem Test am Menschen statt. Und am Menschen muss trotzdem getestet werden! Wer aber hat wahre Freude an Medikamententests? Schön ist es, wenn man Menschen in armen Entwicklungsländern dafür begeistern kann, mal eine Versuchsreihe zugunsten der Kranken in reichen Industrienationen mitzumachen. Sie selbst können sich die Medikamente allerdings später, sollten sie tatsächlich krank werden – sicher nicht leisten.

Das ist schon etwas wirr, aber es gibt uns zum einen ein gutes Gefühl gegenüber unseren Haustieren und zum anderen lässt es uns die Menschen, die bereits unsere Schuhe und Hemden nähen, die wir uns nicht leisten könnten, wenn wir ihnen den Mindestlohn zahlen würden, den wir selber für zu niedrig halten, als nützliche Wesen erscheinen. Als Flüchtlinge würden die Patrioten unter uns die „Neger“ und „Schlitzaugen“ (zwei aktuelle „neopatriotische“ Begriffe für Menschen abseits unserer Zivilisation) ohnehin lieber an der Grenze erschießen, als ihre Nähe zu ertragen. Also, warum nicht?

Gerne testen wir allerdings auch mit den ärmeren Schichten unserer Industrieländer. Also bei denjenigen, die unseren Mindestlohn zwar tatsächlich bekommen aber davon schlecht leben können. Ihnen erschließt sich dadurch eine fantastische Möglichkeit, die Haushaltskasse deutlich zu entlasten. Auch bei kranken Menschen probieren wir gerne aus, schließlich könnte ein zugelassenes Medikament tatsächlich helfen und eine letzte Chance sein. Wenn’s passt: Bingo!

Die Archive eines Medikamentenherstellers spucken nun plötzlich Dokumente über Tests an Heimkindern – auch in nordhessischen „Anstalten“ – (Schwalmstadt) – aus. Ohne deren Willen, wie es heißt. Es ist zwar noch nichts bewiesen, aber die Erschütterung ist schon mal groß. In der gleichen Woche, in der der Bundestag mehrheitlich den Dammbruch für Medikamententests beschließt, nach dem Demenzkranke auch ohne deren unmittelbares Einverständnis an einem Test teilhaben dürfen, echauffieren sich heimische „Sozial“-Politiker, die für alle Test-Grundlagen verantwortlich zeichnen, darüber, dass in den 50er Jahren an Heimkindern getestet wurde. Wow!

Bisher – so hat sich nun herausgestellt - gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass in Schwalmstadt wirklich so verfahren wurde. Trotzdem ist die gleiche Gesellschaft, die inzwischen 5 Prozent (mit stark steigender Tendenz) aller Kinder und Jugendlichen wegen vager ADHS-Diagnosen mit Ritalin ruhigstellt, bereit, ein entsetztes Urteil zu sprechen. Die Ritalin-Gabe geschieht übrigens auch ohne echte Zustimmung der Betroffenen. Es entscheiden Ärzte mit Unterstützung der genervten Lehrer und Eltern.

In den fünfziger Jahren lebten in den Heimen perspektivlose Kinder, die oft ihre Eltern im Krieg verloren hatten. Ähnlich perspektivlos, wie der Proband in der Dritten Welt oder der Hartz-IV-Empfänger in seiner Geldnot. Wer immer zu Tests missbraucht wird: es ist tatsächlich unentschuldbar! Wie die Welle der Empörung angesichts unserer aktuellen Haltung zu Medikamenten und deren „Herkunft“ einzuschätzen ist, erscheint allerdings genauso populistisch, wie eben vieles in der aktuellen Nachrichtenlage…

Ihr

Rainer Sander

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