Kolumne
DIE KOLUMNE: Ende der Selbstbestimmung Drucken E-Mail
Samstag, den 11. April 2015 um 09:36 Uhr

Rainer SanderSchwalmstadt. Gerne nutzen wir Vorfälle besonderer Art, um unsere Standards zu überprüfen. Der Flugzeugabsturz in den französischen Alpen und der auslösende Selbstmord eines Piloten machen das Fliegen etwas unheimlicher. Dabei war es schon Immer etwas unheimlich, sich in die Lüfte zu begeben, ohne Boden unter den Füßen und mit Gottvertrauen auf die Technik, die das Flugzeug steuert und den Piloten, der sie bedient. Runter geht‘s immer, aber wie?

Die Angst fliegt also stets mit und sie wird nach den aktuellen Geschehnissen bei den meisten Fluggästen wohl etwas größer sein. Auch wenn Fliegen statistisch gesehen immer noch die sicherste Fortbewegungsmethode ist, was nützt die Statistik, wenn das Flugzeug, in dem man sitzt, vom Himmel fällt? Immerhin kann man die Fälle, in denen sich Piloten auf diese Weise das Leben nehmen wollten unter Millionen von Flugbewegungen an einer Hand abzählen. Aber auch diese Erkenntnis nützt wenig, wenn der Ratgeber „Angst“ heißt. Jetzt gibt es erste Forderungen, Diagnosen bei sicherheitsrelevanten Berufsgruppen gegenüber dem Arbeitgeber und für Datenbanken offen zu legen. Dabei ist es vermutlich wahrscheinlicher auf einer deutschen Autobahn beim Suizid eines Geisterfahrers zu sterben, als überhaupt mit einem Flugzeug vom Himmel zu fallen.

Wo also zieht man die Grenze beim Umgang mit Daten? Auch wird diskutiert, die Technik in Flugzeugen so auszustatten, dass die Maschine eigenständig die Steuerung ergreift, wenn Piloten nicht plausibel handeln. Fliegt demnächst der Computer? Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich mich dann sicher fühlen würde.

Die gleiche Diskussion führen wir bereits für den Straßenverkehr. Die großen Limousinen haben schon Vorrichtungen, die das Auto eigenständig abbremsen, wenn ein Hindernis auftaucht. Technisch ist es bereits überhaupt kein Problem mehr, ein Auto fahrerlos über Deutschlands Autobahnen und durch überfüllte Städte zu chauffieren, ohne damit einen Unfall zu verursachen. In der Regel wird das die sichere Technik sein, in der Ausnahme könnte ein Computerfehler verheerende Folgen haben. Kommt der Tag, an dem wir gar nicht mehr selber steuern dürfen, weil der Computer als sicherer gilt?

Werden unser aller ärztlichen Diagnosen irgendwann auf Chips verfügbar und statistisch auswertbar sein, um Fehler und Risiken im zwischenmenschlichen Umgang auszuschließen? Die Frage ist, was am Ende bleibt, wenn wir nichts mehr selbst entscheiden dürfen, weil Maschinen das zuverlässiger erledigen. Gewinnt das Leben an Qualität oder verliert es? Was passiert mit der Seele, dem Verstand, dem Herzen, wenn immer weniger zu entscheiden ist? Sind die meisten Menschen am Ende selbst nur noch wie Maschinen, die an der Arbeit funktionieren und sogar in der Freizeit überwiegend fremdbestimmt agieren? Werden dann dank zunehmender Sinnlosigkeit genau die Krankheiten zunehmen, deren Folgen wir mit Regeln und Computern gerade ausschließen wollen?

Ihr

Rainer Sander

 
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