Kolumne
DIE KOLUMNE: Bildungsparadies Drucken E-Mail
Donnerstag, den 06. August 2015 um 14:07 Uhr

Rainer SanderSchwalmstadt. Wir haben uns als Kinder auf der Straße getroffen. Telefonisch verabreden ging nicht und den Nachmittag vor dem Fernseher zu verbringen, scheiterte meist noch an der noch nicht vorhandenen Röhre. Und als wir endlich Telefon hatten, war jeder Anruf eine Geldfrage. Flatrates gab es nicht, jede Telefon-Einheit kostete.

Sobald die Hausarbeiten erledigt waren, ging es raus auf die Straße, auf die Spielplätze und auf die noch vorhandenen Trümmergrundstücke im Kasseler Vorderen Westen. Die Abenteuerspielplätze der Wirtschaftswundergeneration. Für jeden Mist, den wir gemacht haben, gab es Stress von den Eltern, auch wenn wir das Wort Stress definitiv nicht kannten. Und wenn wir mit einem Lehrer Ärger hatten, dann wurden wir von unseren „Erziehungsberechtigten“ ausgeschimpft und nicht der Lehrer angegriffen.

Als wir schließlich soweit denken konnten, haben wir kopfschüttelnd über den Stacheldraht in die DDR geblickt, wo es vom ersten Lebensjahr an in die Kinderkrippe ging - und das nicht freiwillig – in der der Staat die Erziehung übernahm und Wehrkunde sowie Staatsbürgerkunde im Bildungsauftrag der staatlichen Kindererziehung verankerte. Was waren wir doch so frei und hemmungslos gegenüber denen im unfreien Teil der Welt.

Heute gehen unsere Kinder in der durchgehend freien Welt vom ersten Lebensjahr an in die Kindergärten und das nicht nur vormittags. Die Ganztagsschule ist die Heilstätte der Bildungsarmmut und die Bildungskette greift von der Geburt bis zum ersten Job nach Studium oder Berufsausbildung. Super! Und wer da nicht mitmacht, ist so chancenlos wie früher. Aha!

Jedes Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen liegt jetzt auch nicht mehr im Einflussbereich der Eltern. Erzieherinnen und Lehrer tragen die Last der Verantwortung in einer durchpädagogisierten Gesellschaft. Und inzwischen glauben wir alle, dass das so sein muss. Wir haben ein Recht auf Freiheit und Abgabe der Kinder von 7:30 Uhr bis 17:00 Uhr. Aber nicht nur dass, gerade wurde höchstrichterlich das Betreuungsgeld gekippt. Weil der Bund dafür seine Kompetenzen überschritten hat, nicht etwa, weil das Betreuungsgeld an sich nicht der Verfassung entspricht. Die Gegner des Betreuungsgeldes – und das ist längst die breite Mehrheit - feiern allerdings seit Wochen so, als wäre genau das der Fall. Als Herdprämie bezeichnet, wird der Beitrag zur Kindererziehung in den eigenen vier Wänden gerne herabgewürdigt. Noch mehr Kindergarten ist besser, weil es für die Kinder wertvoller ist. Vor allem haben die Eltern das Recht auf kinderfreie Wochentage, schließlich sind sie nur noch Erziehungs“berechtigte“…

Gleichzeitig klagen die Betriebe und Hochschulen über das ständig sinkende Bildungsniveau der Schulabgänger, die abnehmende Belastbarkeit der Auszubildenden, den Rückgang des Durchhaltevermögens, die fehlende Allgemeinbildung und die zunehmende Unfähigkeit, ganze Sätze zu bilden, wobei Deutsch als Muttersprache nicht mehr wirklich ein Garant dafür ist, auch deutsch schreiben zu können. Wer dafür Beweise sucht, wird sie vermutlich sehr schnell in den Kommentaren unter dieser Kolumne lesen. An den Bildungskonzepten kann es nicht liegen. Die werden jedes Jahr lückenloser, ganzheitlicher und undurchlässiger…

Ihr

Rainer Sander

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