DIE KOLUMNE: Kunst Drucken E-Mail
Dienstag, den 11. April 2017 um 15:30 Uhr

Rainer SanderKASSEL | ATHEN | SCHWALMSTADT. Der Deutsche Außenminister durfte nach Athen fliegen und ausnahmsweise nicht über Kredite, Sparpakete, den EU-Stabilitätspakt oder Richtlinien-Verstöße sprechen. Es ging eigentlich um gar nichts Greifbares, sondern „nur“ um Kunst. Und zwar um solche, die völlig abstrakt eine andere Welt zeigt.

Die ist nicht besser oder schlechter als die Realität, aber halt so völlig anders, als die, in der sich Politiker tagtäglich bewegen. Sie auch anders als unserer Welt, es sei denn, auch wir sind Künstler. Oder zumindest Lebenskünstler, wie die Griechen heute sein müssen. Da geht es nicht um Effizienz, nicht um Diplomatie. Kunst darf provozieren, sie darf sich erlauben, keinen Sinn zu ergeben, sie darf spiegeln, sie darf entrückt, verzückt oder verrückt sein.

Sie darf die Wirklichkeit spiegeln, sie ad absurdum führen oder sie so verfremden, dass alle ihre Widersprüche, Abhängigkeiten, doppelten Böden, ihre Moral, ihre Unmoral oder ihre Doppelmoral sichtbar werden. Und wenn das alles dann keine Rolle mehr spielt, weil es abstrahiert ist, geht es nur noch um das Menschliche Miteinander, die Basis des Lebens und die Wurzeln unseres menschlichen Daseins.

Allein das ist schwer zu ertragen, denn wenn die Tarnkappen weg sind, die Moralismen fehlen und wir offenlegen müssen, wo wir gut und wo wir gerne böse sind, sind wir allem beraubt, was uns schützt und haben auch keine Waffen mehr, weder gegen die Wahrheit, noch gegen die Unwahrheit. Die Documenta in Athen ist aus heutiger Sicht ein Geschenk. Von uns an Griechenland und von Griechenland an uns. Und wenn die Griechen uns etwas schenken, können wir es vor Stolz kaum annehmen. Kassel schenkt der Welt eine Brücke zwischen der Realität und der Fantasie, die Positionen auflöst, die sich längst verfestigt haben. Zumindest für eine kurze Weile.

Schön, dass wir in Nordhessen diese Rolle spielen. Was es Wert ist, dass sich gerade Hunderte, Tausende von Menschen begegnen, die sich sonst nicht über den Weg gelaufen sind, dass Politiker reisen, was sie sonst ohne diplomatischen Auftrag nie getan hätten, dass Dinge Thema werden, die andere Themen verdrängen, ist gerade unbezahlbar. Und selbst wenn wir die klassische nordhessische Frage stellen, die gerade auch von Menschen in Griechenland, die andere Sorgen haben, sicher oft gestellt wird: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ sind wir uns ein deutliches Stück näher gekommen.

Und von Nordhessen aus gibt es plötzlich Linienflüge in ein anderes Land. Wer hätte das gedacht? Und es ist keine Kunst!

Ihr

Rainer Sander

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