DIE KOLUMNE: Wahrheiten Drucken E-Mail
Sonntag, den 19. März 2017 um 09:13 Uhr

Rainer SanderSCHWALMSTADT. Ein Post geistert durch Facebook und diverse Internetforen, in dem ein Kandidat im österreichischen „Wer wird Millionär“, für eine relativ leichte Rechenaufgabe, das Publikum fragt: Wieviel ist zwei mal zwei plus zwei durch zwei minus zwei. Das Publikum entscheidet sich mit knapper 2/3-Mehrheit für das Ergebnis „1“. Unter Beachtung der „Punktrechnung vor Strichrechnung-Regel“ hätte das korrekte Ergebnis allerdings „3“ sein müssen.

Was lernen wir daraus? Man kann sich die Wahrheit nicht aussuchen, aber wenn die Mehrheit schlicht vergessen hat, was sie in der Schule mal gelernt hat? Vermutlich würde auch eine größere Mehrheit so rechnen wollen. Alternative Wahrheiten? Das schöne ist, in den Foren wird über die Richtigkeit der Publikums-Rechnung gestritten, man hätte ja auch Klammern – von denen in der Aufgabenstellung aber keine Rede war – setzen können.

In Wirklichkeit funktionieren alternative Wahrheiten viel einfacher. Irgendjemand postet irgendeine Behauptung oder ein Bild, erklärt es zur Wahrheit und weil das Internet ja nicht lügt, verbreiten sich neue Wahrheiten, kämpfen mit den echten Wahrheiten um die Gunst der Meinungsführer und der Mehrheiten. Und es funktioniert tatsächlich. In einer Zeit, in der jeder alles behaupten und massenweise verbreiten kann, ist unser gesunder Menschenverstand tagtäglich gefordert und manchmal vermutlich überfordert. Es gibt Wahrheiten, die wir gerne hätten und unangenehme Wahrheiten, an die wir uns ungern gewöhnen müssen. Eine ist, dass nicht alles stimmt, was uns plausibel erscheint.

Bei dieser Gelegenheit erzähle ich gerne noch einmal eine Geschichte, die mir vor Jahren schon begegnet ist, als von alternativen Wahrheiten noch gar keine Rede war:

Einst im Mittelalter hat eine Stadt entschieden, die Lüge abzuschaffen. Der Rat der Stadt ließ einen Galgen errichten und verkünden, dass jeder gehenkt wird, sollte er lügen! Ein Fremder kam in diese Stadt, kaum dass der Galgen stand und die Torwachen fragten ihn nach dem Grund seines Besuches. „Oooch, ich komme nur, um mich aufhängen zu lassen“, antwortete der Fremde. „Du lügst, Fremder! Niemand geht irgendwo hin um sich aufhängen zu lassen!“ „Gut, so habe ich eben gelogen und dann müsst Ihr mich doch jetzt an den Galgen bringen! Euer Gesetz!“ „Ja, aber wenn wir Dich nun für die Lüge aufhängen, so hättest Du ja doch die Wahrheit gesagt!“

Was ist Wahrheit?

Ihr

Rainer Sander

Share
 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Valid XHTML & CSS | Template Design ah-68 | Copyright © 2009 by NH24