DIE KOLUMNE: Krank Drucken E-Mail
Freitag, den 04. Dezember 2015 um 16:03 Uhr

Rainer SanderSchwalmstadt. Wer nach der Steigerung von krank „googelt“ oder „bingt“, stößt auf Interessantes. In den einschlägigen Foren gehen die Meinungen deutlich auseinander, ob es nun kranker oder kränker heißt und nicht wenige Diskutanten behaupten, „krank ist krank, das kann man gar nicht steigern“ – grammatisch gesehen.

Vielleicht lässt das eher Rückschlüsse auf das deutsche Bildungsniveau zu, als auf den Gesundheitszustand der Nation, denn ein Blick in den Duden hilft: krank, kränker, kränkste.

Und in der Realität? Werden wir nun immer kränker oder machen und Vorsorge, Medizin und bessere Medizintechnik gesünder? Das ist viel schwerer zu sagen. Irgendwie ist keine Statistik so wirklich aussagefähig, ganz gleich, wie man sie Interpretiert. Die Gesundheitskosten steigen immer weiter, also werden wir kränker? Die Krankenkassen verringern gleichzeitig ihr Defizit, also werden wir gesünder? Oder verdienen wir nur mehr Geld und entlasten damit unser Sozialsystem?

Die Zahl der Krankheitstage scheint jedenfalls weniger von unserem Gesundheitszustand abzuhängen, als vielmehr – ganz wie beim Wein – vom „Medizin-Jahrgang“? 1991 waren 5,1 Prozent aller Versicherten in Deutschland in diesem Jahr „mal krank“, 2007 nur noch 3,2 Prozent. 2014 waren es immerhin wieder 3,8 Prozent. Auch die Heilungsdauer scheint mehr saisonalen Schwankungen zu unterliegen, als von der Qualität der Medizin abzuhängen. 1991 vergingen nämlich satte 12,7 Tage bis zur Genesung, 2007 war ein perfektes „Heiljahr“ mit nur 7,9 Tagen bis zur durchschnittlichen Gesundung. Aktuell sind es immerhin wieder 9,5 Tage. Also werden wir doch kränker?

Früher, also sowieso alles – gefühlt – besser war, konnten wir übrigens drei Tage krank sein, ohne dass es eines „Gelben Scheines“ bedurfte. Heute wirkt das wie „Blaumachen“, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist längst ab dem ersten Tag obligatorisch. Wir gehen also weit öfter zum Arzt und das kostet. Und ist der Anfang mal gemacht, die Krankheit amtlich und belegt, ist es eigentlich viel einfacher, zu verlängern? Zumindest treiben wir mit unserem Verhalten und den Anforderungen der Arbeitgeber die Kosten für das Gesundheitssystem mächtig in die Höhe.

Da ein Schnupfen gleich lange dauert, ob er nun behandelt wird oder nicht, wäre es volkswirtschaftlich gesehen vermutlich billiger, bei den ein oder zwei Tagen „Mogeleien“ zu riskieren. Der Arzt schreibt meist länger Krank und die Kosten - auch für die Arbeitgeber – sind derweil von 13,6 Prozent auf das Gehalt im Jahr 1998 auf aktuell 15,5 Prozent gestiegen, für die Arbeitgeber zwar auf die Hälfte von 14,6 Prozent „gedeckelt“, denn der Zusatzbeitrag ist allein Arbeitnehmersache, aber trotzdem 7,4 Prozent Kostensteigerung. Also sind wir nicht kränker, sondern nur weichlicher?

Noch ein bisschen Statistik? Rund die Hälfte aller Krankheitstage geht inzwischen auf Erkrankungen zurück, die länger als 6 Wochen andauern. Das wichtigste, Muskeln, Knochen und Psyche sind dabei am meisten betroffen. Das waren in der Tat noch nie so hohe Werte. Also werden wir doch kränker? Bei Muskeln und Knochen kann man schlecht „mogeln“ und dass der Druck wächst, ist offensichtlich…

Ihr

Rainer Sander

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