DIE KOLUMNE: Das Selfie Drucken E-Mail
Freitag, den 04. September 2015 um 17:41 Uhr

Rainer Sander ©Foto: nh24 | Wittke-FotosSchwalmstadt. Wer häufig Fotos von Menschen in Firmen, bei Events oder für PR-Veranstaltungen machen muss weiß: Männer stehen (fast) immer für Fotos bereit – auch innerhalb von Sekunden: Ankündigung, Foto, gut so! Bei Frauen sollte die Ankündigung so rechtzeitig erfolgen, dass noch ein Friseurtermin möglich ist und die Kleidung passend ausgesucht werden kann.

Also am besten wenigstens drei Tage vor dem Termin. Nach dem Schnappschuss lautet der häufigste männliche Kommentar zumeist: „passt schon“, während weibliche „Models“ ihren Blick unvorteilhaft finden, den Lichteinfall kritisieren, weil er irgendetwas „störendes“ betont oder das ganze Bild blöd finden.

Es gibt nur einen Fototyp, bei dem alle diese Verhaltensweisen ausgeblendet sind und scheinbar Emanzipation hergestellt ist: Das Selfie. Da die Armlänge begrenzt und die Handy-Objektive im Weitwinkel-Modus gerne einen Wölbungseffekt produzieren, sehen die Bilder allerdings in der Regel nicht gerade vorteilhaft aus. Wer regelmäßig Selfies macht benutzt einen Stab mit Bluetooth-Steuerung zur Armverlängerung. Nach dem Motto, „wenn mich schon niemand fotografiert, dann mache ich das eben selbst.

Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen sogar davon, dass es wesentlich mehr weibliche Selfies gibt als männliche. Aber wenn Männer Selfies schießen, dann gleich richtig und manchmal nicht ganz ungefährlich: In Amerika hat sich vergangene Woche ein Jugendlicher beim Selfie mit einer Pistole erschossen. Dass beim Handy-Schnappschuss jemand irgendwo eine Brücke hinabstürzt, stolpert oder sich verletzt, ist jedenfalls nicht ungewöhnlich.

Auf den ersten Blick weniger gefährlich ist das „Wort-Selfie“. Auch hier gilt: „Wenn niemand über mich schreibt, mach ich es eben selbst.“ Da wird alles im Internet kommentiert, was man kommentieren kann, mit Halbwissen geglänzt oder noch besser, die eigene Dummheit gnadenlos zur Schau gestellt: in Online- und Zeitungsportalen noch anonym, in den Sozialen Medien gerne auch unter Klarnamen. Und dabei gilt: wie beim Foto-Selfie – entscheidet nicht der gute Geschmack! Sprache muss nicht schön sein. Wenn jemand keinen vollständigen Satz zustande bringt und sich in gebrochenem Deutsch über Ausländer aufregt, die nicht deutsch sprechen können aber die Arbeitsplätze rauben, ist das lange noch kein Grund, um sich zu blamieren. Er weiß eines sicher: diejenigen, deren Zustimmung er sucht, haben in der Schule auch keine Lust gehabt etwas zu lernen…

Ihr

Rainer Sander

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