DIE KOLUMNE: Schaden Drucken E-Mail
Sonntag, den 21. Juni 2015 um 15:15 Uhr

©Archivfoto: nh24 | Wittke-FotosSchwalmstadt. Einst galt Italien als Traumland für Streikende, als Nation, die sich permanent im Ausstand befindet. Inzwischen ist es in den europäischen Ländern, deren Finanzsysteme in Gefahr geraten sind, ruhig geworden. Gestreikt wird nur dort, wo die Wirtschaft scheinbar brummt, wie bei uns in Deutschland.

Dabei ist ein Ausstand in den einst klassischen Streikberufen, wie Bau- oder Autoindustrie schon lange nicht mehr aktuell. Der wirtschaftliche Schaden wäre immens und man versteht es offensichtlich, sich zu einigen.

Überhaupt scheint die Streikromantik aus den Tagen des Klassenkampfes vorbei zu sein. Das war die Zeit, als Fabrikarbeiter zu Tausenden die Werkstore blockierten und mit ihren Chefs – quasi Auge in Auge – über angemessene Löhne stritten. Das Ziel war nicht, dem eigenen Unternehmen zu schaden, sondern in direkter Auseinandersetzung eine Erhöhung zu erreichen. Wenn heute gestreikt wird, dann muss ein Streik den größtmöglichen Schaden verursachen. Dabei gilt es vor allem Dritte einzubeziehen, wie Unternehmen, die Waren ausliefern müssen oder Arbeitnehmer und Reisende, die an einen Zielort gelangen müssen.

Und was ver.di bei Amazon über Jahre hin nicht geschafft hat, nämlich dass Pakete liegen bleiben, das gelingt jetzt den Zustellern der Post. Dabei sind es nicht die Berufe, bei denen Armutsgefahr besteht, in denen gestreikt wird.

Einer Verkäuferin im Einzelhandel mit (laut Focus) 1147 Euro Netto-Durchschnitts-Einkommen muss aktuell verkraften, dass gerade in den meisten Kommunen die Kindergartengebühren steigen und gleichzeitig vielleicht ihren Jahresurlaub verpulvern, weil Erzieherinnen mit Durchschnittseinkommen von 1387 Euro streiken, um die pädagogische Betreuung der Kinder nicht zu gefährden. Klar, dass dann nicht Jeder für Jeden Verständnis aufbringen kann. Auch dann nicht, wenn die Kündigung für einen Vertrag nicht pünktlich ankommt und es schwer wird, pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Die Verkäuferin wird kaum streiken, um so viel zu verdienen, wie die Erzieherin, für die sie Verständnis aufbringen muss, weil sie weiß, dass höhere Arbeitskosten die Preise im Einzelhandel so verteuern, dass noch mehr im Internet gehandelt wird und vielleicht ihr Arbeitsplatz dabei verloren geht. Das muss die Erzieherin nicht verstehen, denn sie hat ja die Wahl, auch online zu bestellen.

Gleichzeitig veröffentlicht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Zahlen, nach denen in vielen Berufen die Einkommen an der Armutsgrenze liegen. Dagegen gibt es keinen Streik…

Ihr

Rainer Sander

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